Raffael - Die vatikanischen Stanzen.
Die Ausmalung der Stanzen
Die Dekoration der päpstlichen Gemächer im Vatikan, der sogenannten Stanzen, ist dem Umstand zu verdanken, daß Julius II. nicht die Räume seines Vorgängers benutzen wollte, sondern es vorzog, das darüberliegende Stockwerk im Nordflügel des Vatikans zu beziehen. Wie Vasari berichtet, waren die Räume zum Teil bereits von Piero della Francesca, Luca Signorelli und Fra Bartolomeo mit Fresken ausgemalt worden. Im Herbst 1508 kommt Raffael aus Florenz nach Rom und wird sogleich in das Projekt einbezogen. Eine Zahlungsanweisung der päpstlichen Kasse von 1509 ist das früheste Dokument, das Raffaels Tätigkeit im Vatikan belegt. Die Fresken der vier wichtigsten Räume, die Stanza della Segnatura, die Stanza di Eliodoro, die Sala di Costantino und die Stanza dell'Incendio, sollen nach dem Konzept des Papstes und der ihn beratenden Humanisten und Theologen jeweils einem bestimmten ikonographischen Programm folgen. Die Fresken der Stanzen stellen einen Höhepunkt der europäischen Malerei dar. Raffael setzt dabei nicht einfach das ihm jeweils vorgegebene Thema um: Erst durch seine eigenen durchdachten Eingriffe kommt das humanistisch geprägte kulturelle Klima im Rom von Papst Julius II. wirklich zum Ausdruck. Während die Fresken der ersten beiden Stanzen nahezu ausschließlich von Raffaels Hand stammen, läßt sich bei den folgenden nicht immer eindeutig klären, welchen Anteil seine Werkstatt daran hatte.
Stanza della Segnatura
Das erste der päpstlichen Gemächer, die Stanza della Segnatura, stellt einen Höhepunkt der Renaissancekunst dar. Ursprünglich war darin die berühmte Bibliothek von Julius II. untergebracht. Benannt ist der Raum nach dem kirchlichen Tribunal "Signatura Gratiae", das im späteren 16. Jahrhundert dort abgehalten wurde. Der etwa zehn mal acht Meter große Raum ist allseitig mit Fresken dekoriert, die in ihrer Art der traditionellen Gestaltung von Bibliotheken entsprechen und die Fakultäten der mittelalterlichen Universität zum Thema haben: Theologie, Philosophie, Jurisprudenz und - anstelle der Medizin - die Poesie. Diese traditionelle lkonographie wird durch philosophische Überzeugungen und Lehrabsichten Julius' II. wesentlich erweitert. Das zentrale Thema bildet die Glorifizierung der Wahrheit. Sie wird in der Disputa, durch die geoffenbarte Wahrheit, in der Schule von Athen durch die Wahrheit der Vernunft vertreten. Dazu kommt die Preisung des Guten, dargestellt auf den Wandgemälden Papst Gregor IX. übergibt die Dekretalen und Kaiser Justinian übergibt Trebonianus die Pandekten, und schließlich des Schönen, das im Parnaß gefeiert wird. Das Wahre, Gute und Schöne ergänzen einander und führen in der Verschmelzung von antikem und christlichem Denken zur letzten Wahrheit und zum höchsten Gut. Dieses vielschichtige Konzept kommt in klaren, ausdrucksvollen Bildern zum Ausdruck, in denen sich Form und Inhalt aufs vollkommenste entsprechen.Im Folgenden wird der Aufbau der drei "Hauptfresken" der Stanza della Segnatura dargestellt und die wichtigsten Personen innerhalb der Bilder werden benannt.
- Die Disputation über das Sakrament, Disputa.
- Die Schule von Athen.
- Der Parnaß
Die Disputation über das
Sakrament
Disputa Del Sacramento
| A-OBERER TEIL | B-MITTELTEIL | C-UNTERER TEIL |
| 1.Gottvater | 6.Petrus | 20.Beato Angelico |
| 2.Christus | 7.Adam | 21.Bramante |
| 3.Engel | 8.Johannes der Evangelist | 22.Francesco Maria Della Rovere |
| 4.Maria | 9.David | 23.Gregor d. Gr. (Julius II.) |
| 5.Johannes der Täufer | 10.Laurentius | 24.Hieronymus |
| 11.Jeremias | 25.Ambrosius | |
| 12.Engel mit Evangelien | 26.Augustinus | |
| 13.Der heilige Geist | 27.Thomas von Aquin | |
| 14.Judas, der Makkabäer | 28.Innozenz III. | |
| 15.Stephanus | 29.Bonaventura | |
| 16.Mose | 30.Sixtus IV. | |
| 17.Jakobus | 31.Dante | |
| 18.Abraham | 32.Girolamo Savonerola | |
| 19.Paulus |
Raffael begann die Arbeit in der Stanza della Segnatura mit der Disputation über das Sakrament, meist einfach als Disputa bekannt. In der Darstellung der Dreifaltigkeit vergegenwärtigt das Fresko das Wunder der Eucharistie (=heiliges Abendmal).
Die Schule von Athen
Die Schule von Athen
1. Platon 2. Aristoteles 3. Sokrates 4. Xenophon 5. Aischinos (oder Alkibiades) 6. Alkibiades (oder Alexander) 7. Zeno 8. Epikur 9. Federico Gonzaga 10. Averroes 11. Pythagoras 12. Francesco Maria Della Rovere13. Heraklit 14. Diogenes 15. Euklid (Bramante) 16. Zoroaster (Pietro Bembo?)17.Ptolemäus18.Raffael 19.Sodoma (Michelangelo)
Viele halten dieses Fresko in der Stanza della Segnatura für Raffaels bedeutendstes Werk. Sein Thema ist die Suche nach der natürlichen Wahrheit in den verschiedenen philosophischen Schulen des Altertums. Himmel und Erde sollen dabei gleichermaßen eingebunden werden.
Der Parnaß
Der Parnaß
1. Apoll 2. Calliope 3.Terpsichore 4. Erato 5. Polihymnia 6. Melpomene 7. Urania 8. Talia 9. Klio 10. Euterpe
11. Statius 12. Vergil 13. Homer 14. Dante 15. Ennius 16. Anakreon17. Petrarca 18. Corinna 19. Alkaios 20. Sappho 21. Ariost 22. Boccaccio 23. Tibull 24. Tebaldeo 25. Properz 26. Ovid 27. Sannazzaro 28.Horaz
Mit der Darstellung des Berges Parnaß, dem Sitz Apolls und der Musen, feiert Raffael in der Stanza della Segnatura die Poesie als eine geistige Beschäftigung, die den Menschen dem Göttlichen nahezubringen vermag.
Kurzbiographie
1483 Am 6. April wird Raffaelo Santi in Urbino als Sohn Giovanni Santis geboren, einem Maler, der häufig am Hof der Montefeltro tätig ist. Durch ihn lernt Raffael die Künstler am Hof von Urbino kennen. Von prägendem Einfluß für den jungen Raffael sind insbesondere die geometrisch klar gestalteten Bilder Piero della Francescas.
1494 Vermittelt durch seinen Vater, wird Raffael von dem Maler Pietro Perugino als Lehrling angenommen, der in Perugia eine große Werkstatt betreibt und auch Niederlassungen in anderen großen italienischen Städten unterhält. Raffael setzt sich darüber hinaus auch mit den Werken anderer Künstler, etwa Pinturicchios oder Signorellis auseinander. Er arbeitet an seinen ersten großen Altartafeln.
1504 Raffael malt "Die Vermählung der Jungfrau Maria", ein Bild mit dem seine Lehrzeit als abgeschlossen gilt. Giovanna Feltria Della Rovere empfiehlt Raffael dem Regenten der Republik Florenz.
1504-1508 Raffael hält sich, von kurzen Besuchen in seiner Heimatstadt abgesehen, in Florenz auf. In dieser Periode entstehen bedeutende Bilder, vor allem Porträts und Darstellungen der Madonna mit Kind, die den Einfluß Leonardos erkennen lassen.
1508 Ende des Jahres wird Raffael auf Empfehlung Bramantes von Papst Julius 11. nach Rom berufen. Er erhält den Auftrag, die päpstlichen Gemächer im Vatikan zu freskieren.
1509-1511 In dieser Zeit stellt Raffael die Fresken des ersten Raums im Vatikan, der Stanza della Segnatura, fertig. Die vielschichtige Ikonographie geht auf Anregungen des Papstes zurück, der seine religionspolitischen Vorstellungen auch durch die Kunst zum Ausdruck bringen will. Raffael lernt Michelangelo kennen, der die Decke der Sixtinischen Kapelle freskiert. Durch Sebastiano del Piombo, der ebenfalls zu dieser Zeit in Rom tätig ist, macht sich Raffael mit der venezianischen Malerei vertraut.
1511-1514 Unterstützt von den Mitarbeitern seiner Werkstatt, arbeitet Raffael an der zweiten Stanza, der Stanza di Eliodoro. Gleichzeitig führt er Aufträge aus, die ihm am päpstlichen Hof verkehrende Persönlichkeiten erteilt haben, unter ihnen der Sieneser Bankier Agostino Chigi, für den er das berühmte Fresko der Galatea malt.
1513 Papst Leo X., Amtsnachfolger von Julius II., beauftragt Raffael, die dritte der vatikanischen Stanzen, die Stanza dell'Incendio zu freskieren. Raffaels Werkstatt vollendet das Werk 1517.
1514 Raffael wird als Nachfolger des verstorbenen Bramante zum Baumeister von St. Peter ernannt. Wie Entwurfspläne belegen, ist Raffael nun vorwiegend als Architekt tätig: Er entwirft den Palazzo Branconio dell'Aquila, die Grabkapelle für Agostino Chigi und die Anlage der Villa Madama, die allerdings nie vollendet wird. Vor allem aber beschäftigt ihn der Bau der Peterskirche.
1515 Der Papst bestellt bei Raffael Wandteppiche für die Sixtinische Kapelle. Sieben der großartigen, als Vorlage für die Gobelins dienenden Kartons sind erhalten geblieben. Daneben entstehen Porträts und Madonnenbilder, deren Ausführung häufig den Mitarbeitern anvertraut wird. Raffael wird vom Papst zum Präfekten der römischen Altertümer ernannt. Sein Freund Baldassare Casfiglione unterstützt ihn bei dieser Aufgabe. Zeugnisse seiner praktischen Tätigkeit sind jedoch nicht erhalten.
1516 Auf dieses Jahr sind die von Raffael entworfenen Kuppelmosaiken der Chigi-Kapelle in Santa Maria del Popolo zu datieren. Raffael erhält von Kardinal Bibbiena den Auftrag, dessen Räume im Vatikanspalast zu freskieren.
1517-1519 In dieser Zeit entsteht der Amor und Psyche-Freskenzyklus in der später als Farnesina bekannten Villa Agostino Chigis, eine Dekoration, die von den nachfolgenden Künstlern als beispielhaft empfunden wird. Ferner erfolgt die Freskierung der vatikanischen Loggien, die, von Bramante für Julius II. geplant, von Raffael im Auftrag Leos X. fertiggestellt werden.
1520 Raffael stirbt in Rom und wird im Pantheon beigesetzt. Das großartige, von Kardinal Giulio de' Medici für die Kathedrale von Narbonne bestellte Gemälde "Die Verklärung Christi" bleibt unvollendet. Der frühe Tod des Künstlers trägt zusätzlich zur Aura des Göttlichen bei, die ihn bereits zu Lebzeiten umgab. Nach seinem Tod vollenden seine Schüler die Ausmalung der vierten Stanza, der Sala di Costantino.
Raffael, Selbstbildnis, 1509, Florenz, Galleria degli Uffizi.
Philipp Wollenhaupt 16.10.2000