20.06.2017

Dresdner „Ikarus“ über Fluchtversuch aus der DDR

Michael Schlosser besuchte unsere Schule


Das Viktoria-Luise Gymnasium organisierte in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer Stiftung anlässlich des 17. Juni 1953 (Volksaufstand in der DDR) eine Gedenkveranstaltung über deutsche Geschichte nach 1945. Michael Schlosser, der Dresdner „Ikarus“, berichtete über seinen Fluchtversuch 1983 mit einem selbstgebauten Flugzeug aus der DDR in den Westen.

Einschneidende Jugenderlebnisse und die fehlende Möglichkeit, sich eine eigene Kfz-Werkstatt aufzubauen, ließen Schlosser immer stärker am DDR-Regime zweifeln. 1981 wurde während eines Aufenthalts in Tschechien sein Fluchtplan konkreter: Der westliche Radiosender RIAS verbreitete, dass der Springer-Verlag eine Million D-Mark für eine Flugzeuglandung auf dem Dach des Springer-Hochhauses in Westberlin versprach.

Die Idee war geboren: Als KFZ-Meister arbeitete Schlosser als Fuhrparkleiter beim DDR-Fernsehen und reparierte nach Feierabend Autos. Er verfügte über das notwendige „Know-how“ und „Material“ für den Bau eines Flugzeuges: Zwei Zylinder eines Trabant-Motors, Auspuff, Alubleche… Kenntnisse über die Fliegerei hatte er in der NVA bei den Luftstreitkräften erworben.

Der erste Flugtest im russischen Sperrgebiet war erfolgreich – plötzlich auftauchende 7 russische Militärs glaubten Schlosser die „angebliche“ Testphase im Auftrag des DDR-Fernsehens, halfen bei den Flugvorbereitungen und wurden zusätzlich durch reichlich Wodka abgelenkt.

Ein Arbeitskollege, der im Auftrag der Stasi spitzelte, erfuhr von Schlossers Interesse an Flugzeugen und informierte die Staatssicherheit Dresden. Der IM „Jens Trädner“ deckte den als Hühnerstall getarnten Schuppen auf, in dem Schlosser sein Flugzeug versteckte. Drei Tage vor dem geplanten Fluchtversuch griff die Staatssicherheit zu – am 8. November 1983 wurde Schlosser inhaftiert, kam in U-Haft und erhielt die Nummer „27/2“. Nach vier Monaten gestand Schlosser unter psychisch extrem erniedrigenden Verhörmethoden den Fluchtversuch – das Urteil: vier Jahre und sechs Monate Bautzen. Nach 13 Monaten Gefängnis erfolgte die Abschiebung in den Westen – die DDR erhielt als Gegenleistung 96.000 DM.

Den Überfluss an Konsumgütern verkraftete Schlosser anfangs kaum – dennoch schaffte er es, mit 40 Jahren noch einmal von Null zu beginnen: IN der Nähe von Ludwigsburg baut er sich eine eigene Kfz-Werkstatt auf. Die Vergangenheit lässt ihn jedoch nicht los: Jahrelang leidet Schlosser unter unerklärlichen Rückenschmerzen und Migräne. 2004 erfolgten die Rückkehr nach Dresden und der Versuch, am Ort des Geschehens seine Vergangenheit, die auf 4000 Seiten Stasi-Akten dokumentiert wurde, zu verarbeiten.

 

 


Von: Dr. Sabine Kempf