27.06.2018

Vikilu-Schülerinnen und -Schüler fahren ins östliche Nachbarland

Zweiter Teil des Austausches mit Kalwaria-Zebrzydowska (Krakau, Polen): Wir besuchen unsere Partnerschule vom 9. bis 16. Juni 2018


Die Reisegruppe 2018

Nachdem unsere polnischen Austauschschüler im letzten September hier bei uns waren, sind wir vom 09.06. bis zum 16.06.2018 nach Polen zu Besuch gefahren. Zehn SchülerInnen aus den Jahrgängen 11 und 12 reisten zusammen mit Frau Erdmann und Herrn Haas per Bahn und ICE 13 Stunden bei unglaublicher Hitze nach Kalwaria. Diese Kleinstadt liegt bei Krakau in Südpolen, einer vielbesuchten Region mit gleich vier Weltkulturerbestätten der UNESCO. Eine davon das Wallfahrtskloster Kalwaria Zebrzydowska: Einst soll hier ein Gemälde der Maria echte Tränen, die allerdings aus Blut waren, geweint haben. Durch dieses übernatürliche Zeichen hat sich die Region zu einer der größten Pilgerstätten Polens entwickelt und viele Kapellen und Kirchen wurden errichtet.

Als wir um 23 Uhr endlich ankamen, warteten unsere neuen Familien schon auf uns und nahmen uns herzlich in Empfang. Klar, wir waren ein bisschen skeptisch, ob man sich noch wiedererkennt, aber diese Bedenken waren unbegründet. Auch nach neun Monaten, die man sich nicht gesehen hat, war es direkt wieder wie am letzten Tag in Hameln: Aus Fremden waren schnell Freunde geworden. Im Laufe der Woche ist das Gruppengefühl sogar noch gestiegen (und wir waren schon in der Hameln-Woche eine echt coole Truppe).

Den nächsten Tag verbrachten wir erstmal mit unseren Gastfamilien und da die Polen hoch katholisch sind, waren die meisten in einem Gottesdienst. Abends schauten wir uns dann alle zusammen eine Aufführung des Schultheaters an. Wir verstanden sprachlich nichts, aber das war auch nicht zwingend notwendig. Es muss sich wohl um ein Brautpaar und einen vom Pferd gefressenen Hut gehandelt haben. Das Stück war wirklich lustig und die Theater-AG scheint dort so etwas zu sein wie hier unser Orchester.

Am zweiten Tag besichtigten wir dann das große Kloster, welches um das oben genannte Marienbild entstand. Neben den vielen Touristen liefen auch die Mönche des Klosters über das Gelände und Nonnen, die als Pilger kamen. Was wir eher als Kostüme für Karneval kennen, war in Polen ganz normal und gehörte zum Stadtbild dazu. Am Abend grillten wir neben Ruinen im Wald über dem Lagerfeuer Würstchen am Stock. Einige polnische Eltern brachten in gusseisernen Behältern ein typisch polnisches Essen, welches man einfach mitten ins Feuer stellte: Kohl, Kartoffeln, Speck und allerlei.

Den folgenden Tag regnete es, aber wir hatten wirklich Glück: Das unterirdische Salzberg­werk in Wieliczka stand auf dem Programm, da war es immerhin trocken. Das schreit nicht nach Spaß und „typisch polnisch“, aber falsch gedacht. Wie sollte es auch anders in Polen kommen, als dass selbst in 300 Metern Tiefe eine Kirche stand? Vielmehr ein riesiger Raum, hoch wie eine Kirche und mit Altar, Kruzifix und dem Abendmahl (ein salziges Nachbild des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci). Auch eine Krippe stand dort und natürlich war auch das Christuskind aus Salz gemeißelt. Die Salzgrube hat uns positiv überrascht.

Am Mittwoch fuhren wir dann nach Krakau. Bis vor einigen Jahrzehnten war dies noch die Hauptstadt Polens, doch seit Warschau der Stadt den Titel abgenommen hat, streiten sich wohl die Krakauer und die Warschauer Bürger, welches DIE Stadt sei. Ein lustiger Guide (Krakauer!) zeigte uns die Stadt, viele Kirchen und Kapellen, das jüdische Viertel und natürlich hat er auch Mateusz Morawiecki, den Premierminister Polens, extra für uns bestellt. Dieser begegnete uns tatsächlich mit seinen Bodyguards auf dem Wawel, dem Stadtberg mit Königsschloss (nach Kalwaria und dem Salzbergwerk die dritte UNESCO-Kulturerbestätte – die vierte sollte am Folgetag kommen). Nach der Stadtführung durften wir die Stadt noch selbst erkunden.

Von der lustigen Stimmung war am folgenden Tag nicht mehr viel übrig. Die Gruppe fuhr in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Es war leider sehr voll, doch das beklem­mende, verstörende Gefühl hatte spätestens jeden erreicht, als wir uns meterlange Berge von Kinderschuhen und Haarbüscheln (welche den in den Gaskammern ermordeten Menschen abgeschnitten wurden) ansahen. Es war im gleichen Moment so greifbar und auch wieder so unwirklich, dass hier, wo du gerade stehst und gehst, Menschen misshandelt worden sind, sich zu Tode arbeiten mussten und – letztendlich war Auschwitz ja ein Konzen­trationslager und kein Arbeitslager – planmäßig ermordet wurden. Ein paar Fahrminuten ent­fernt liegt auch Birkenau. Eine einzig große, weite Fläche, wo aus der Erde herausragende Schornsteine, geziegelte, gleichmäßig angeordnete Hütten und zwei Schutthaufen (die ehemaligen Gaskammern) bezeugen, was die Nazis 1940 bis 1945 für Verbrechen began­gen haben. In diesem Konzentrationslager sind mindestens 1,1 Millionen Menschen ermor­det worden, andere sprechen von 1,5 Millionen Opfern. 90% dieser Opfer waren Juden. Man kann eigentlich nicht in Worte fassen, wie es sich anfühlt, das KZ zu besichtigen. Dabei besichtigt man es nur – und um das Vergessen zu vermeiden, sollten möglichst viele Men­schen diesen Ort besichtigen.

Den vorletzten Tag verbrachten wir wieder mit was Schönem. Mit unserem Kleinbus fuhren wir in den Nationalpark Hohe Tatra. Das wirklich schöne Gebirge mit seinen klaren Bächen gilt als Biosphärenreservat der UNESCO. Auch die umliegenden Städte haben ihren ganz eigenen Baustil. Alle Häuser (und auch die Kirchen) sehen aus wie Hexenhäuschen. Abends ging dann noch ein Teil unserer Gruppe, leider durften nicht alle, in die Disko. Was ist denn auch schon ein Polen-Besuch, ohne einmal Wodka getrunken zu haben? Überraschender Weise tanzt man in Polen auch in der Disko Discofox.

Der Samstag war dann schon der Tag der Verabschiedung. Nach nur wenigen Stunden Schlaf trennten wir uns von unseren Austauschpartnern und Familien. Diesmal leider ohne den Trost, sich in neun Monaten wieder zu sehen.

Polen war sehr schön. Es gibt unglaublich viel zu sehen, Städte, Kirchen, Natur. Die Menschen sind ziemlich traditionell, viele haben eigene Nutztiere zu Hause und im Schnitt sind sie religiöser als in (Nord-)Deutschland. Die Polen sind sehr unterhaltsam und offen, ihr Essen auffällig kraut- und fleischlastig. Die eine Woche reicht nicht aus, um alles zu sehen, aber auch zwei Wochen wären zu wenig, denn es hat vor allem Spaß gemacht, neue Leute kennenzulernen.



Myriam Doppke, Jahrgang 12




Von: H-M Haas