16.06.2018

„Wir wollen freie Menschen sein"

Veranstaltung und Ausstellung zum 17. Juni 1953


Zum Gedenken an den „Volksaufstand am 17. Juni 1953“ in der ehemaligen DDR war am 5. Juni der Zeitzeuge Herr Alexander Richter (Emsdetten) zu Gast im Vikilu.

Zudem ist die Wanderausstellung „DDR- Mythos und Wirklichkeit“ der Konrad-Adenauer-Stiftung im Juni in der Bibliothek zu besichtigen. Nähere Informationen und Schülerarbeitsmaterial zur Ausstellung unter www.ddr-mythen.de

Dr. Sabine Kempf

 

 

Inhaftierung, Bespitzelung, illegale Hausdurchsuchungen: Die DDR schöpfte eine ganze Bandbreite an Maßnahmen aus, um politische Gegner zu entlarven und unter Kontrolle zu behalten. Heutzutage ist das Schicksal der Verfolgten nur noch wenigen bekannt.

Aus diesem Grund hat es sich die Konrad-Adenauer-Stiftung zu einer ihrer Aufgaben gemacht, die Geschichte Deutschlands für Schüler wieder zum Leben zu erwecken, indem sie Vorträge von Zeitzeugen an Schulen im ganzen Land organisiert.

So kam es, dass auch die Schüler des 10. und 11. Jahrgangs am 5. Juni an unserem Vikilu die Chance hatten, die Geschichte von Alexander Richter, einem politisch Verfolgten der DDR, aus erster Hand zu erfahren.

Herr Richter erzählte lebendig und anschaulich von seiner Unterdrückung in der DDR. Dabei fing das Ganze recht harmlos an: Mit 10 Jahren, im Jahr 1959, war er nur ein kleiner Junge aus Potsdam, der gerne Fußball spielte und Stalin bewunderte, so wie alle Kinder. Nach der Schule ging er oft mit seinen Freunden zur Grenze, wo sie mit Westdeutschen redeten und kleine Geschenke von ihnen zugesteckt bekamen. Doch dann kamen die 60er Jahre und mit ihnen der politische Umbruch. Auch in Alexander Richter hegten sich Zweifel am System der DDR.

Nach dem Abitur und der anschließenden Zeit in der Armee studierte er dann Finanzwirtschaft. Da man in der DDR seinen Beruf nicht frei wählen konnte, wurde er nicht ganz freiwillig Revisor. Seine Leidenschaft entdeckte er jedoch für das Schreiben.

Während er jahrelang neben der Arbeit Geschichten schrieb, wuchs in ihm der Wunsch, die Wahrheit über die DDR zu schreiben. Die Leute sollen wissen, was innerhalb des Systems vor sich ging, zu lange schon war er gezwungen gewesen, zu schweigen.

Heimlich aber entschlossen setzte er sich an sein neues Projekt, bis er 1977 den alles entscheidenden Fehler beging: Er fing an, Briefe mit den Manuskripten an eine Freundin in der Bundesrepublik Deutschland zu schicken.

Wie hätte er auch ahnen können, dass die Stasi seine Briefe öffnen, und ihn von da an unaufhörlich verfolgen würde?

In der Zeit, in der er von der Stasi überwacht wurde, widerfuhren Herrn Richter lauter seltsame Dinge. Er berichtete von rätselhaften Autopannen, verwanzten Wohnungen, einem ständigen Beobachtungsgefühl und sogar von zwei illegalen Hausdurchsuchungen.

Aus den Akten der Stasi fand er später noch heraus, dass seine damalige Freundin nur auf ihn angesetzt worden war und regelmäßige Berichte von ihm eingereicht hatte.

1982 wurde Herr Richter eines Tages einfach auf offener Straße verhaftet und zu einer Reihe von Vernehmungen gezwungen. Man brachte ihn erst für 11 Monate in eine Haftanstalt, später wurde er noch zu weiteren 6 Monaten Haft verurteilt. Die unmenschlichen Lebensbedingungen dort, von denen Herr Richter erzählte, machten uns Schüler sprachlos. Wie sich herausstellte, hatte er jedoch Glück im Unglück. Durch das Freikaufprogamm der Bundesrepublik wurde er befreit und in ein Auffanglager im Westen gebracht.

An diesem Punkt beendete Herr Richter seine Erzählungen und ließ uns Schülern noch die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Viele interessierten sich für seine Meinung zu aktuellen politischen Themen, aber auch Fragen zu seinen Hobbies oder der Überwachung kamen auf.

Zum Abschluss seines Vortrages richtete Alexander Richter noch einige Schlussworte an uns. Er bat uns, immer für unsere Meinung einzustehen, wenn wir etwas nicht richtig finden. Denn nur wenn wir uns trauen gegen den Strom zu schwimmen, können wir eine Veränderung bewirken.

Hanna Repschlaeger (10e)


Von: Dr. Sabine Kempf und Hanna Repschlaeger (10e)