Lebenslauf:

Michelangelo Merisi wurde wahrscheinlich am 29.9.1571 (Fest des Erzengels Michael) geboren, wo ist unbekannt, wahrscheinlich in Caravaggio, ein Dorf bei Bergamo, aus dem seine Familie stammt, oder in Mailand, wo der Vater sich von 1563 bis 1576 aufhielt. Sein Vater war Fermo Merisi, Magister (Künstler, Baumeister) bei Francesco I. Sforza, Marchese von Caravaggio, seine Mutter hieß Lucia Aratori.

Mit fünf Jahren flieht er zusammen mit seiner Familie (Stiefschwester, Schwester, zwei Brüder) nach Caravaggio aufgrund einer Pestepidemi (Vater und Großvater sterben an der Pest). Die Mutter hat Schwierigkeiten die Familie zu ernähren und das Erbe gegen die Ansprüche der Verwandten ihres Mannes zu verteidigen. Der Marchese Caravaggios stirbt 1583, woraufhin die Merisi von der adligen Familie Colonna unterstützt werden. 1584 kehrt M.M. nach Mailand zurück. Dort geht er in die Lehre bei Simone Peterzano, ein Bergamasker Maler. Einige Jahre nach seiner Lehre, während der er möglicherweise eine Reise in den Osten der Lombardei oder nach Venedig unternommen hat, gelangt er nach Rom, wo seine Anwesenheit ab 1596 belegt ist. Dort geht er in die Schule des Cavalier d'Arpino (wie auch Floris Claszoon van Dijk und Jan Brueghel der Ältere), der bekannteste Maler Roms und ein „moderner" Künstler, der die Tradition der Meister des 16.Jh. fortsetzt. Er legt Wert auf Naturalismus, außerdem scheint er sich dafür zu interessieren, das Alltägliche in seinen Gemälden abzubilden. Wahrscheinlich hatte C., als er zuerst in Rom ankam, kein Geld und keine feste Bleibe, so dass er wirklich unter den Menschen lebte, die er später darstellt. Diese Menschen haben nichts mit den klassisch-idealisierten Figuren gemein, sondern sind vom wirklichen Leben gezeichnet. Zuerst kam man, aufgrund der Bildinhalte Caravaggios, auf die Idee, dass dieser homosexuell sein könnte, heute allerdings betrachtet man seine Werke eher im Einklang mit den damals geltenden ikonologischen Regeln. Daraus ergibt sich, dass diese Art der Darstellung zu Caravaggios Zeit üblich war. Gegen Ende des Jahrhunderts beginnt er damit religiöse Themen darzustellen, wobei er die biblischen Motive in einen natürlichen Hintergrund setzt, außerdem ist es für diese Zeit neu, dass die Figuren sehr menschlich wirken. Auch neu ist Caravaggios Lichtführung, die starke Hell-Dunkelkontraste erzeugt. Sein Ziel war es nicht, sich gegen die Kirche aufzulehnen, sondern so genau wie möglich den Schriften der Bibel zu folgen. Caravaggios auffällige Aggressivität bringt ihn des öfteren mit dem Gesetz in Konflikt, doch er kann sich den schlimmsten Situationen entziehen, da ihm reiche Bewunderer und Freunde zur Seite stehen, bis er bei einem Duell oder einer Schlägerei auf dem Marsfeld, seinen Gegner, Ranuccio Tomassino da Terni, tödlich verwundet. Daraufhin muss er aus Rom fliehen. Er erreicht Neapel dank der Unterstützung seines Gönners Ottavio Costa. Hier bleibt er ca. 9-10 Monate, während der er intensiv arbeitet und mehrere private und kirchliche Aufträge erfüllt. Im Juli 1607 begibt sich C. nach Malta, wieder wird er von Gönnern unterstützt. In Malta hofft er, das Ritterkreuz zu erlangen. Am 4. Juli 1607 wird Michelangelo Merisi dann auch zum Ritter des Malteserordens geschlagen und ehrenhalber als Bruder aufgenommen. Doch schon nach wenigen Monaten erreicht die Nachricht von Caravaggios Tat in Rom Malta. Er kann jedoch aus dem Kerker fliehen und entkommt nach Sizilien. Kurze Zeit später verstößt ihn der Malteserorden offiziell. Auf Sizilien verbringt der Künstler etwa zwei Jahre, bevor er nach Neapel zurückkehrt. Doch schon auf Sizilien wird sein Geisteszustand von Zeitgenossen als unausgeglichen beschrieben und auch diesmal ist sein Aufenthalt in Neapel durch eine Bluttat belegt. Im Juli 1610 reist er per Schiff nach Rom. Trotz inoffizieller Begnadigung durch den Papst wird C. bei seiner Ankunft, wahrscheinlich nur aufgrund einer Verwechslung, festgenommen. Nach seiner Freilassung will C. auf sein Schiff zurückkehren, doch das ist verschwunden. Verzweifelt irrt er umher, bis er in dem kleinen Küstenort Port' Ercole ankommt. Hier stirbt er am 18. Juli 1610, die Todesursache könnte eine alte Verletzung oder Malaria gewesen sein. Vielleicht war es sogar Mord.

Die Contarelli- Kapelle

1565 kaufte der Franzose Matteo Contarelli eine Kapelle in San Luigi dei Francesi in Rom, aber als er starb, war sie noch nicht dekoriert. Später übernahm sein Sohn diese Aufgabe. Am 13. Juni 1599 nahm er für diese Aufgabe Michelangelo Merisi da Caravaggio unter Vertrag. Dies war Caravaggios erster Auftrag für eine Kapelle. Er sollte zwei Gemälde über das Leben des Heiligen Matthäus malen, nämlich „Die Berufung des hl. Matthäus" (3) und „Martyrium des hl. Matthäus" (4), die sich räumlich gegenüberstehen.


Berufung des hl. Matthäus (3):

Rechts im Bild sieht man Jesus wie er mit einer fordernden Geste, die von Michelangelos Adam inspiriert zu sein scheint, auf den Zöllner Levi (später der hl. Matthäus) deutet. Petrus, der erst später in das Bild eingefügt wurde, ahmt Jesu Gebärde schwerfällig nach. Er ist der Vermittler zwischen den Menschen und Gott. Levi zeigt fragend auf sich selbst, während zwei Zöllner links von ihm so sehr in ihre Tätigkeit vertieft sind, dass sie Jesus nicht bemerken. Dieses könnte man symbolisch so deuten, dass sie die von ihm angebotene Wiederauferstehung ablehnen. Die Zöllner und Levi sind zeitgemäß gekleidet, da sie in weltliche Dinge verwickelt sind, Jesus und Petrus hingegen tragen zeitlose Gewänder. Christus ist schon im Begriff zu gehen, und tatsächlich wird ihm Matthäus im nächsten Augenblick in ein anderes Leben folgen. Der Junge mit Federhut stellt einen Freund von Caravaggio dar, es ist Mario Minniti. Das Licht wurde sorgfältig manipuliert, es gibt drei Lichtquellen, das obere Licht beleuchtet Matthäus und das Fenster verteilt ein diffuses Licht. Die dritte Lichtquelle ist mysteriöser Herkunft, denn Petrus verursacht keinen Schatten. Caravaggio will gelöst von der Tradition zeigen wie sich die Situation wirklich zugetragen hat. Das obere Licht kommt von rechts, wodurch die Wirkung erzielt wird, dass das Licht des wirklichen Altarfensters der Kapelle die Szene beleuchtet. Das Bild hängt also auf der linken Seite der Kapelle.


Martyrium des hl. Matthäus (4):

 
In dem Bild wird der Moment des Mordes an Matthäus dargestellt, die Szene spielt in einer frühchristlichen Kirche. Zwei halbnackte Gestalten in der rechten und linken unteren Ecke wohnen der Szene als nacherlebende Zuschauer bei, sie schaffen somit eine zeitliche und räumliche Distanz. Dieses ist ein häufig benutztes Repoussoir- Motiv, es soll Tiefenräumlichkeit suggerieren. Vorne links im Bild befinden sich zwei erstaunte Beobachter, dahinter sind zwei Personen, die versuchen, vom Geschen Abstand zu nehmen. In dem Knaben mit dem Federhut erkennen wir wieder einmal Mario Minniti. Einer der zwei Männer im Hintergrund ist das dritte Selbstportrait des Künstlers. Er hat sich selbst mit einem gequälten, traurigen Gesichtsausdruck gemalt, ein entsetzter Zeuge der Szene. Die zuletzt genannten Personen entfernen sich nur widerspenstig. Der jugendliche Mörder hält den Arm des Heiligen, der Priesterkleidung trägt, fest, um ihn am Empfang der Siegespalme zu hindern, die ihm der Engel reichen will. Der Mörder holt zum Todesstoß aus. Ein junger Messdiener läuft mit schreckverzerrtem Gesicht schreiend davon. Vor der Altarstufe, auf der Matthäus liegt, befindet sich wahrscheinlich ein in der Bibel beschriebenes Wasserbecken, die Piscina Probatica. Wie auch in der „Berufung" (3), wurde der Lichteinfall des Bildes so gestaltet, als ob es aus dem Altarfenster kommt, es kommt von links, das Bild hängt Rechts. Die Röntgenuntersuchungen des Gemäldes zeigen, dass eine antikisierende Architekturkulisse vom Maler selbst wieder beseitigt wurde.

Der hl. Matthäus und der Engel (1):

Am 7. Februar 1602 wurde die Plastik des Niederländers Cobaert für den Altar abgewiesen. Sie soll von einem Bild von Matthäus mit dem Engel von Caravaggio ersetzt werden. Die erste Fassung des Bildes (2) wird abgelehnt, da die Auftraggeber Matthäus' Haltung als würdelos und ungebührlich empfanden. Der Heilige ist als grobschlächtige Gestalt dargestellt, außerdem nehmen er und der Engel eine angeblich unziemliche Pose ein. Das Gemälde fand jedoch schnell einen neuen Käufer, den Marchese Vincenzo Giustiniani, es wurde während des Zweiten Weltkrieges in Berlin zerstört. Die zweite Fassung (1) wurde in erstaunlich kurzer Zeit gefertigt, sie wurde jedoch nicht so gut wie die erste. Der Engel zählt die Themen, die Matthäus behandeln soll, mit einer typischen lehrerhaften Geste auf. Der Apostel ähnelt in seiner Sitzpose einem Schulkind, allerdings führten diese unorthodoxen Elemente nicht zur Abweisung.


Die Cerasi- Kapelle

Für die Cerasi- Kapelle hatte Caravaggio den Auftrag erhalten, die „Bekehrung Pauli"(6) und die „Kreuzigung Petri" (5) zu malen. Er berücksichtigte die baulichen Verhältnisse in der Kapelle und verkürzte die Perspektive.



Die Kreuzigung Petri (5):


In diesem Gemälde ist Petrus nicht als Held, sondern als alter Mann, der Todesängste erleidet, abgebildet. Es ist kein heroisches Drama, sondern eine entwürdigende Hinrichtung zu sehen. Die Landschaft im Hintergrund fehlt völlig, da Michelangelo Merisi sich nur auf das Wesentliche konzentriert hat. Außerdem unterdrückte der Maler seine Vorliebe für spritzendes Blut und ausdrucksstarke Mimik. Die Atmosphäre des Bildes ist im ganzen bedrückend und traurig.


Die Bekehrung Pauli (6):
Saulus, der Christenverfolger, ist auf dem Weg nach Damaskus, als er vom Pferd fällt, nachdem er die Stimme Jesu hört und für kurze Zeit erblindet. Caravaggio hat den Moment gewählt, in dem Saulus erblindet am Boden liegt, im Hintergrund sind sein Pferd und sein Diener zu sehen. Seine erhobenen Arme bilden zusammen mit dem Pferd einen Kreis. Neben Paulus liegt achtlos hingeworfen sein Schwert, er wird es in seinem neuen Leben als Apostel nicht mehr brauchen. Die Gestalt Pauli ist steil verkürzt, allerdings ist die Figur des Knechtes unnatürlich groß abgebildet. Der Künstler benutzte auch hier seine spezielle Lichtregie, die die Dinge schlagartig hervortreten lässt. Auch von diesem Bild gab es eine erste Fassung, an dieser wurde kritisiert, dass Jesus zu menschlich dargestellt ist, deshalb ist er in der jüngeren Fassung nur als Licht sichtbar. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass Caravaggio religiöse Themen immer gern natürlich abbildete. Kristina Mai und Nina Mund 02.10.2000