Im Deutschen Kaiserreich

Titelblatt
Das erste Gebäude in der Grütterstr. 1899
Vor der Gründung 1823
Die Situation nach dem Neubau des Lehrerinnenseminars
Vor der Gründung 1824 - 1836
Eine Klasse im Jahre 1905

Inzwischen hatte die Schulleitung gewechselt. Für Pastor Müller, der im Juli 1870 als Seminardirektor nach Hannover ging, war Dr. Theodor Thiesing gekommen, der jedoch schon im Januar 1873 im Alter von nur 32 Jahren verstarb. Ihm folgte auf Beschluß des Stadtrates im Juli dieses Jahres Friedrich Brandes, der die Schule bis zu seinem unerwarteten Tode am 27. Dezember 1898 leitete.

Im Mai 1894 erfolgt in Preußen eine Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens. Reformiert wurden vor allem die Anforderungen an die Vorbildung der Lehrkräfte. Dies wurde auch durch weitere Ausführungsbestimmungen vom 9. August 1899 präzisiert. Die Stadt beschloß, nach diesen Richtlinien aus der bisherigen "Töchterschule" eine "Höhere Mädchenschule" zu entwickeln.

Direktor Brandes hatte sich für den Umzug der Schule in einen Neubau eingesetzt, dessen Errichtung 1897 begonnen wurde. Seine Vollendung hat er nicht mehr erlebt. Nachdem für einige Monate August Christian Dähling als dienstältester Lehrer die Schule führte, wurde im September 1899 mit Dr. Alfred Lentz ein neuer Direktor berufen. Am 23.September 1899 wurde der Neubau in der Grütterstraße bezogen und am selben Tag der neue Schulleiter Dr. Lentz feierlich in sein Amt eingeführt.

Am 9. Januar 1900 wurde der Verein ehemaliger Schülerinnen" gegründet, der ein Jahr später schon fast 150 Mitglieder hatte. Der Verein unterstützte u.a. bedürftige Schülerinnen, die das Schulgeld nicht aufbringen konnten. Außerdem organisierte er wissenschaftliche Vorträge und Konzerte in der Aula.

Am 1. April 1900 übernahm die Schule die 1885 im Anschluß an ein Pensionat gegründete private Töchterschule des Sanitätsrates Dr. Riefkohl. Der Schulleiter Dr. Lentz baute den Bildungsgang auf neun Klassenstufen mit je einer Klasse aus. Dazu kam eine "Selecta" als 10. Schuljahr mit freiwilligen Kursen. Seit 1904 wurde das 10. Schuljahr verbindlich, nachdem es vorher auf freiwilliger Basis absolviert werden konnte. Die Zahl der Schülerinnen stieg in diesem Jahr auf über 300.

Im gleichen Jahr erhielt die Schule auch ihren Namen aufgrund des Besuchs von Kaiser Wilhelm II. in Hameln. Die Visite am 17. August 1904 war das gesellschaftliche Ereignis. Der Monarch reiste mit seiner Frau und den Kindern an, u.a. auch mit seiner Tochter Viktoria Luise. Die Schülerinnen standen beim festlichen Einzug Spalier, "Fräulein Lieschen Kattentid," (eine ehemalige Schülerin und Hilfslehrerin der Anstalt) "näherte sich [...] dem Wagen und überreichte mit einigen Worten [...] auch der Prinzessin einen Strauß", wie die "Hamelnschen Anzeigen" damals berichteten. Die bisherige "Höhere Mädchenschule" erhielt nach entsprechenden Bitten des Lehrerkollegiums durch Kaiser Wilhelm II. am 23.01.1905 die Erlaubnis, den Namen seiner Tochter, Viktoria-Luise, tragen zu dürfen.

Die Schule zeigte sich wie damals üblich sehr kaisertreu und patriotisch. Alljährlich wurden der Geburtstag Kaiser Wilhelms II. am 27. Januar, der Tag des Sieges von Sedan über Frankreich 1870 am 2. September und andere vaterländische Gedenktage mit Ansprachen, Liedern und Gedichten in der Aula begangen. Sogar am 27. Januar 1919, einige Monate nach dem Sturz der Monarchie gab es noch eine Feierstunde zum Kaisergeburtstag.

Im Oktober 1905 besuchte Dr. Lentz das Lehrerinnenseminar und die angeschlossene Übungsschule in Minden. Denn für Hameln plante er eine ähnliche Einrichtung, ein Ausbildungsseminar für Lehrerinnen, das am 22. Mai 1906 seine Arbeit aufnahm. Dazu wurde auch der Oberlehrer Heinrich Spanuth, der spätere Leiter der Schule, nach Hameln berufen.

Die angehenden Lehrerinnen unterrichteten sogenannte "Übungsklassen", die aus Schülerinnen der Hamelner Volksschulen bestanden. Nach Abschluß des 10jährigen Schulbesuches entschieden sich 1908 11 von 17 Absolventinnen der Schule zum Lehrerinnenberuf, den sie im neuen Seminar erlernen konnten. Im März 1908 beschloß die Stadt einen Neubau neben dem Schulgebäude von 1899, weil sich die Zahl der Schülerinnen seitdem auf 364 fast verdoppelt hatte. Dazu gab es einen Wettbewerb. In den nächsten Jahren entstand der Bau auf dem Eckgrundstück Grütterstraße/Kaiserstraße. Das Seminar konnte 1909 in den durch den Architekten Otto Michalski, der den Wettbewerb gewann, errichteten Jugendstilbau einziehen, der Zeichensaal, Lehrerzimmer und Physikfachraum enthielt. In diesem Jahr schlossen auch die ersten Absolventinnen das Seminar ab.

Dies entsprach auch, der Tendenz der preußischen Gesetzgebung, die in einer Bestimmung vom 18.08.1908 festlegte, daß mindestens die Hälfte der Stunden in der Mittel- und Oberstufe von wissenschaftlichen Lehrkräften zu halten war. Es gab hier auch sogenannte Übungsklassen für die Lehramtsanwärterinnen. Schon ein Jahr nach Erlaß der neuen Bestimmungen erfüllte die Viktoria-Luise-Schule alle Voraussetzungen, um vom Provinzialschulkollegium in Hannover als Höhere Schule im neuen Sinne anerkannt zu werden. Der Abschluß berechtigte allerdings nicht zum Hochschulstudium, sondern nur zum Lehrberuf. Das Studium konnte erst nach zweijähriger Tätigkeit an einer Schule aufgenommen werden. Viele ehemalige Schülerinnen der Oberstufe blieben denn auch noch die geforderte Zeit als Lehrerin an der Schule, um endlich ihr wissenschaftliches Studium beginnen zu können. Einige kehrten später als Assessorinnen an die Viktoria-Luise-Schule zurück. Die Schule trug seit dem die Bezeichnung "Oberlyzeum", da sie mit dem Lehrerinnenseminar über die Klasse 10 hinausführte. Im Jahr 1910 wurden fast 50 Lehramtsbewerberinnen ausgebildet. Am 22./23. Oktober 1909 feierte man das 50jährige Jubiläum des Viktoria-Luise- Gymnasium unter anderem mit einer Postkarte. Nach einem Festabend im Hotel "Monopol" folgte am nächsten Tag der Festakt, bei welchem u.a. dem Direktor der vom Kaiser verliehene Rote Adlerorden 4. Klasse überreicht wurde. Nachmittags traf man sich zu einer Festaufführung, in der über die Schule im Jahre 1959 spekuliert wurde: Man war überzeugt, daß es bis dahin die Koedukation geben werde. Ganz so "schnell" ging es dann in der Realität allerdings nicht. Die Zahl der Schülerinnen stieg auf 378 im Jahr 1910. Auch die folgende Frauenbewegung hatte auch gewisse Auswirkungen auf das Schulwesen, und die "Töchterschule" erhielt den neuen Namen "Höhere Mädchenschule". Nach dem frühen Tode des Schulleiters Dr. Lentz im September 1911 übernahm Dr. Heinrich Spanuth, der später auch als Hamelner Lokalhistoriker bekannt wurde, die Schule, zunächst stellvertretend, ab dem 16. April 1912 als neuer Direktor. Im Februar 1913 verlobt sich die Namenspatin der Schule, Prinzessin Viktoria-Luise mit dem welfischen Herzog Ernst August. Spanuth schickte natürlich ein Glückwunschtelegramm.