Artikel zum Austauschjahr 2011

Wymiana mlodziezy (Schüleraustausch) Kalwaria - Hameln 2011

 

Bald 10 Jahre schon gibt es den Austausch zwischen unserem Vikilu und dem Nikolaus-Kopernikus-Lyzeum in Kalwaria Zebrzydowska – und diesmal war er in gewisser Weise intensiv wie nie zuvor. Während in den vergangenen Jahren jeweils entweder polnische Gäste nach Hameln oder Vikilu-Schüler nach Kalwaria reisten, standen 2011 sowohl Besuch als auch Gegenbesuch an. Da das polnische auswärtige Amt im Frühsommer eine Warnung für Fahrten nach Deutschland herausgegeben hatte aufgrund des EHEC-Erregers, brach zwangsläufig im Herbst eine emsige Reisetätigkeit aus: Vom 3. bis 10. September besuchten wir Kalwaria und Umgebung, vom 25. September bis 1. Oktober hatten die polnischen Schüler Gelegenheit herauszufinden, ob ihre deutschen Austauschpartner nicht nur nette Gäste, sondern auch gute Gastgeber waren.

12 Schülerinnen und Schüler und drei Lehrer des Vikilu fanden sich am 3.9. um 6.00 Uhr früh am Hamelner Bahnhof ein, um ihre ca. 14-stündige Zugfahrt nach Krakau anzutreten. Von dort aus sollten es dann noch etwas mehr als 30 Minuten per Bus nach Kalwaria sein (bei engagiertem polnischem Fahrstil). Frau Tigges, die Leiterin des Austauschs auf deutscher Seite, hatte Herrn von Bültzingslöwen, nicht nur ehemaliger Französisch- und Religionslehrer an unserer Schule, sondern auch begeisterter (und begabter!) polnischer Sprachschüler, und den Autor dieses Artikels (der dies heute alles andere als bereut) als Fahrtbegleiter gewinnen können.

Der erste Tag in den Gastfamilien zeigte uns allen: Goscinnosc (Gastfreundschaft) wird in Polen groß geschrieben - und das herzliche Smacznego (Guten Appetit) haben viele von uns wahrscheinlich noch jetzt im Ohr. Jegliche Angst vor nachhaltiger Gewichtszunahme aber wurde uns am ersten gemeinsamen Schultag genommen, als wir einen Blick ins geplante Programm werfen durften: Vier UNESCO-Weltkulturerbestätten hat die Region um Kalwaria zu bieten, die zu recht alle besucht werden wollten - am Montag gleich als erstes das Kloster vor Ort, aufgrund seiner Passionsspiele eine der wichtigsten Pilgerstätten in Polen. Überall präsent: Das frühere Kirchenoberhaupt Papst Johannes Paul II., dessen Geburtsort Wadowice nur wenige Kilometer von Kalwaria entfernt ist. Der "polnische" Papst lächelt nicht nur gütig auf zahlreichen Bildern, er ist auch auf Spazierstöcken, Füllfederhaltern und Regenschirmen "käuflich". Da hat es Benedikt XVI. deutlich schwerer.

Am Dienstag ging es nach Krakau - die mit über 700.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Polens, die im zweiten Weltkrieg nahezu verschont geblieben war, beeindruckt mit historischen Gebäuden wie zum Beispiel der Marienkirche, von deren Turm seit 600 Jahren ununterbrochen zu jeder Stunde eine Trompetenfanfare gespielt wird, die immer an der gleichen Stelle (überraschend) abbricht - an dieser wurde nämlich der Turmwächter, welcher die Krakauer per Trompetensignal vor den heranreitenden Tartaren warnen wollte, von einem Pfeil tödlich getroffen.

Zweites Weltkulturerbe ist die Burg der polnischen Könige auf dem Wawel, einem Kalkstein-felsen an der Weichsel inmitten Krakaus.In der zugehörigen Wawelkathedrale ist neben den früheren Monarchen auch der vor kurzem verunglückte polnische Präsident Lech Kaczynski bestattet worden.

Sehr bewegend dann der Mittwoch: Das Konzentrationslager Auschwitz - Birkenau zog alle in seinen beklemmenden Bann, dem wahrscheinlich jeder während des mehrstündigen Rundgangs gerne das ein oder andere Mal entflohen wäre - so unfassbar ist es, wenn man vor Ort erahnen und auch sehen kann, was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind. Einhellig waren alle am Ende des Tages der Meinung, dass dieser Besuch wichtig war - ein Muss ist.

Deutlich fröhlicher gestaltete sich der Donnerstag im Salzbergwerk Wieliczka ? in sympa-thisch gebrochenem Deutsch wurde unsere "doitsche Gruupä 63" (wir nahmen an der 63. Gruppenführung an diesem Tag teil) durch das kunstvolle neunstöckige Grubenlabyrinth geführt. Abends wurde zurück in Kalwaria gegrillt, die erwähnte Goscinnosc bescherte uns  pro Person etwa 12 Würstchen, deren Zubereitung sich auf dem kleinen Grill recht schwierig gestaltete. Abtrainiert wurde alles am Freitag bei einer Gebirgswanderung in der Nähe des berühmten Skiortes Zakopane.

Hui, dachte sich die deutsche Seite - was können wir denn beim Gegenbesuch so anbieten?

Kaum hatte das Vikilu-Orchester am 26.9. den ersten Takt ihrer Nationalhymne angestimmt, standen alle polnischen Schüler auf und sangen! Ähnlich engagiert ging es weiter - erstaunlich wackelig auf dem Fahrrad erreichten unsere Gäste glücklicherweise unversehrt das Fährhaus in Grohnde - in der Nähe Krakaus soll ein Kernkraftwerk gebaut werden; wir nutzten die Gelegenheit, auf der Vorbeifahrt "unser" Exemplar zu zeigen.

Der Rattenfänger ließ es sich natürlich auch nicht nehmen, aus Hamelns Geschichte zu berichten ? des weiteren lockten die Weser per Kanufahrt und Hannover mit Rathausführung plus Zeit zum ausführlichen Einkaufen.

Ein Höhepunkt aus der Sicht aller aber war der zweitägige Besuch der deutsch-polnischen Jugend-Begegnungsstätte in Vlotho. Dort erlebten wir ein hochinteressantes Seminarpro-gramm über die Geschichte und Gegenwart der deutsch-polnischen Beziehungen. Hier wurde uns erst richtig bewusst, dass das derzeitige friedliche und freundschaftliche Verhältnis beider Länder beim Blick in die Vergangenheit Seltenheitswert hat. Und: Unser Austauschprogramm bekam bei Licht betrachtet eine Bedeutung, die wir gar nicht klein reden sollten: Wir leisten gerade einen kleinen aber feinen Beitrag dazu, dass es friedlich und freundschaftlich bleibt!

Der Abschied in der Vikilu-Mensa am ersten Oktober war tränenreich - was eigentlich auch ein schönes Signal dafür ist, das der Austausch ein Erfolg war. Soweit mir bekannt ist, wurde auch bei einigen der Entschluss gefasst, auf jeden Fall noch einmal nach Kalwaria zu fahren und privat den Kontakt zu halten. Viel Freude dabei!

Dziekuje bardzo dla (Vielen Dank an) Gabriela Kosowska, Barbara Stanuch und Halina Dudek - und natürlich auch Godehilde Tigges und Horst von Bültzingslöwen für die Organisation und Begleitung dieser beiden tollen Wochen. Ebenfalls natürlich zu erwähnen sind alle Schülerinnen und Schüler der "Gruupä 63", die mir ihre Eindrücke der beiden Woche haben zukommen lassen - danke und do widzenia (auf Wiedersehen) in Kalwaria!

 

HM Haas